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Exkursion zur Gedenkstätte Hadamar am 4. und 5. April

Exkursion zur Gedenkstätte Hadamar 

Am 4. und 5. April 2022 besuchten die zehnten Klassen gemeinsam mit den Lehrkräften für Geschichte die Gedenkstätte Hadamar. 

Unsere Tourführerin führte meine Gruppe durch die Anstalt und versorgte uns zwei Stunden lang mit Wissen über die Gräueltaten. Der Gebäudekomplex steht seit der Gründung im 19. Jahrhundert in dem kleinen Städtchen und dient als Gedenkstätte für die Grausamkeiten, die die Nationalsozialisten dort im Dritten Reich begangen haben. Die ehemalige Euthanasie-Anstalt wurde zunächst für die Behandlung und Pflege von geistig und körperlich behinderten Menschen errichtet, wurde jedoch während der Herrschaft der Nationalsozialisten zu einem Ort des Schreckens. 

Kriegsinvaliden, Homosexuelle, Behinderte oder gesellschaftlich Abweichende, wie z.B. aufsässige Frauen, landeten schnell in Hadamar. So schnell man aber in einer derartigen Anstalten landete, umso schwerer war die Flucht oder die Entlassung. Nachdem Adolf Hitler dann den Befehl zur Vorbereitung und Durchführung der Vergasung der „untauglichen“ Menschen erlassen hatte, starben in den folgenden Jahren über 15.000 Menschen in Hadamars Anstalt. 

Wir wurden bereits zuvor im Unterricht über das Thema Euthanasie und die NS-Ideologie aufgeklärt, all das jedoch persönlich zu sehen war eindeutig greifbarer als Texte aus Schulbüchern. 

Die Tour führte uns zuerst durch die Garagen-Scheune, in der die Busse mit den ‚Patienten‘ ankamen und rekonstruierte dann deren Weg bis in die Gaskammer im Keller des Gebäudes.

Besonders dieser Ort schockierte viele von uns sehr. Auf nur zwölf Quadratmetern wurden bis zu 50 Menschen aneinandergepresst und durch Einleitung von Kohlenmonoxid vergast. Von dieser Kammer aus führte eine versiegelte Schleifspur weiter zu den Krematorien und eine Tür in den Sezierraum. Das einzige Überbleibsel dieser Schrecken ist ein Seziertisch, der noch immer in einem der Räume steht.

Genau hier ist der Punkt für mich gekommen, an dem das Erlebnis besonders greifbar geworden ist. Selbst jetzt, während ich diesen Artikel schreibe, finde ich die unfassbar hohe Anzahl der Opfer unvorstellbar, doch in diesem kleinen Raum zu stehen, hat das alles doch noch nähergebracht.

„Wirklich zu sehen, wie klein diese Kammern in Realität waren, war deutlich anders, als einfach nur davon zu hören“, sagte eine Freundin von mir und ich denke sie hat es damit ziemlich gut auf den Punkt gebracht.

Vor allem die Einzelschicksale, die uns vorgestellt wurden, blieben mir besonders im Gedächtnis. Die Flucht von einer jungen Frau, die Ermordung eines Familienvaters oder das Martyrium eines russischen Mädchens im gleichen Alter wie ich. Sie alle sind zwar nur Einzelfälle, die nicht einmal ein Bruchteil von all dem Elend zeigen können, doch man darf sie nicht vergessen. Die ehemalige Klinik hat heutzutage mehrere Korridore, in denen die einzelnen Schicksale aus den über 4000 noch vorhandenen Krankenakten gezeigt werden. Doch auch die andere Seite wird in Hadamar beleuchtet. Es gibt einige Täter, deren Geschichte in der Ausstellung gezeigt wird. In mir und in meinen Mitschülern regte sich Unverständnis, aber die Frage, warum die Anwohner nichts dagegen unternommen haben, wurde uns ziemlich eindrucksvoll erklärt. 

Unsere Tourführerin ließ uns tief in ihre Familiengeschichte hineinblicken und erzählte uns von ihren Großeltern, die bei jedem abgedunkelten Bus, der an ihrem Haus vorbeifuhr, Angst um ihre Kinder hatten. Hauptsächlich die Angst vor der Strafe und dem möglichen Tod ließ die Anwohner schweigen und über die Angelegenheiten hinwegblicken. Denn niemand konnte sagen, dass in der Anstalt von Hadamar nichts Seltsames vor sich gegangen sei. Den schwarzen Rauch, der kilometerweit sichtbar in den Himmel stieg und stank, konnten die Nationalsozialisten irgendwann nicht mehr begründen. Der Protest gegen die Gasmorde wurde mit der Zeit lauter, vor allem durch die Kirche, da man sich damals an die Priester und Bischöfe gewandt hatte. Ende 1941 hat man unter dem entstandenen Druck die Gaskammern und die Krematorien zerstört – was aber nicht heißt, dass die Tötungen dadurch aufhörten. 

Man ging zu subtileren Mitteln über, die 10.000 Menschen, die bisher in den Gaskammern umgebracht worden waren, sollten nicht die einzigen bleiben. Um die Vorgänge besser zu verschleiern, ließ man die Patienten nach Wiederaufnahme des Klinikalltages verhungern oder tötete sie durch Überdosen an Medikamenten. 

Die Opfer aus den Jahren 1942 bis 1945 sind noch immer auf dem Friedhof hinter der Anstalt begraben, auf dessen Wiese eine Gedenkstele steht. Es war ein sehr befremdliches Gefühl zu wissen, dass man auf all diesen Opfern stand. „Es war gruselig zu wissen, auf wie vielen Leichen wir da standen, aber das, was uns gesagt wurde, dass es nämlich etwas ganz anderes ist, mit Achtung und Respekt hinzugehen, fand ich schon wichtig und richtig.“, sagte meine Freundin dazu. 

Besonders erschreckend war außerdem die Geschichte, dass man für die Opfer eine Scheinbeerdigung inszenierte und dass eine geheime Falltür die Leiche direkt nach der Beerdigung in ein Massengrab fallen ließ. 

Auch meine Mitschüler fanden das besonders befremdlich.

„Es war sehr anspruchsvoll und sehr beeindruckend.“, antwortete ein Freund von mir, nachdem ich ihn nach seiner Meinung über den Ausflug gefragt habe.

Der ganze Tag hat uns noch einmal gezeigt wie wichtig es ist, über die Vergangenheit zu informieren, damit sich solche Abscheulichkeiten niemals wiederholen können und man die Opfer nicht vergisst. Ich empfehle jeder Schule die die Möglichkeit hat, solch einen Ausflug zu organisieren, dies auch zu tun. Die Nähe zum Thema schuf ein ganz anderes Verständnis und ein viel besseren Bezug, der uns für den Geschichtsunterricht sehr behilflich sein wird. 

Samantha (10b)