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Projekt Judentum: Meet a Jew

Meet a Jew

Von Tracy (10b)

Worum geht es beim Projekt ,,Meet a Jew?”

Meet a Jew ist ein Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland. Unter dem Motto„Miteinander statt übereinander reden!“  besuchen ehrenamtliche jüdische Jugendliche und Erwachsene Schulen, Universitäten, Sportvereine und weitere Einrichtungen und gehen ins Gespräch mit den Gruppen. 
In persönlichen Begegnungen geben sie individuelle Einblicke in ihren aktuellen jüdischen Alltag, einen Überblick über die Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland und beantworten Fragen in ungezwungener Gesprächsatmosphäre. Im Vordergrund steht weniger die Vermittlung von Wissen, sondern der lebendige und freie Austausch auf Augenhöhe. 

Durch die persönliche Begegnung gelingt es, das oft stereotype Bild von Jüdinnen und Juden aufzubrechen und individuelle Einblicke in die Vielfältigkeit des jüdischen Lebens zu geben. 

Besuch an unserer Schule

Am Donnerstag, den 23. Juni haben uns zwei jüdische Freiwillige vom Projekt besucht. Neala, die 20-jährige Jurastudentin, war schon seit 2016/17 Teil des Vorgängerprojekts Likrat – Jugend & Dialog. Benny, ein 66-jähriger Rentner aus Mannheim, engagiert auch schon länger. Von einer Freundin hatte er die Empfehlung bekommen, es auch mal auszuprobieren. 

Beiden machen die Begegnungen sehr viel Spaß. Dabei treffen sie interessante Menschen und haben die Chance, ihre Religion und ihre ethnische Zugehörigkeit –-denn Jüdinnen und Juden sind auch ein Volk-, welche einen wichtigen Stellenwert in ihrem Leben hat, anderen näherzubringen. 

Der Name eines der Vorgängerprojekte lautete ,,Rent a Jew“, welchen Benny, anders als Neala, viel witziger fand. 

In Deutschland leben aktuell ca. 200.000 Juden, ein Großteil in Städten wie Hamburg, Berlin und Frankfurt. Jedoch haben die wenigsten Menschen bewusste Begegnung mit Jüdinnen und Juden gehabt. Auf dem Land ist die Anzahl der Jüdinnen und Juden um einiges geringer. 

Beide, Neala und Benny, wurden von klein auf streng jüdisch erzogen. Traditionen und wichtige Feiertage wurden stets befolgt und eingehalten. In ihrer Jugendzeit gab es, so wie bei vielen Menschen, eine Zeit, wo sie vieles hinterfragt haben. Vor allem Benny berichtete, dass er sich mit 17 Jahren die Zeit genommen hat, sein Leben (vor allem seine Religion) zu reflektieren. 

Neala hat diese Phase mit 15 Jahren erlebt. Das Gefühl, durch die eigene Religion in die Enge getrieben zu werden, belastete sie sehr. 

Beide haben aber wieder den Weg zur Religion gefunden. Neala nimmt die Regeln etwas lockerer, da vor allem ihr Leben als Studentin es ihr nicht erlaubt, die Bräuche auch wirklich konsequent einzuhalten. Für beide ist es dennoch eine Herausforderung, in einer Nicht-Jüdischen-Gesellschaft ihre Religion auszuüben, obwohl beide sehr stolz und offen mit ihrer Identität umgehen.

Ihre Lieblingstradition im Judentum ist der Schabbat. Der Schabbat ist einer der wichtigsten Feiertage im Judentum. Der siebte Wochentag (nach dem jüdischen Kalender der Samstag) gilt als Tag zur Erinnerung an Gottes Schöpfung und fungiert somit als allgemeiner Ruhetag. Der Schabbat beginnt am Freitag mit Sonnenuntergang und dauert bis zum Sonnenuntergang am Samstag an. Während dieser Zeit darf nicht gearbeitet werden, genauer genommen, darf nichts Neues geschaffen werden. Beide empfinden diesen Tag als eine Möglichkeit, Zeit mit ihren Familien zu verbringen und zu reflektieren. Vor allem freut sich Benny auf das viele leckere Essen, welches einen Tag davor angerichtet werden muss. In die Synagoge gehen sie auch, wobei sie zu Fuß ihr Ziel erreichen müssen. Auch das benutzen von Transportmitteln wie Autos oder Bahn ist verboten.

Das Judentum ist eine Religion, welche sich vor allem mit dem Hier und Jetzt beschäftigt. Das Streben nach Glück spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Thora bildet einen wichtigen Leitfaden zur Erfüllung von eigener Zufriedenheit mit sich selbst und der Umgebung. Da das Leben nach dem Tod keinen so großen Stellenwert im Judentum im Vergleich zum Christentum hat, wird versucht, das Leben im Jetzt in vollen Zügen ausgekostet. 

Bei der Frage, wo man das Glück finden könne, wenn die Religion nicht die Quelle dafür sei, nannte Benny die Philosophie. Damit meinte er nicht unbedingt die Erfüllung aller Wünsche oder den beruflichen und privaten Erfolg, sondern ähnlich wie im Judentum, die innere Zufriedenheit einer glücklichen Lebensführung. 

Wie man zu einem besseren Menschen wird, dafür gibt es verschiedene Herangehensweisen. Die Antwort von Neala fand ich persönlich sehr schön. Nach ihr sollte sich jeder Mensch einen Sinn für sein eigenes Leben geben, denn dies gibt einem Menschen Sicherheit und bildet die Grundlage, um Glück zu finden. Ohne einen Sinn im Leben fühlt man sich verzweifelt. Man hinterfragt öfters seine eigene Existenz, seinen Nutzen in der Gesellschaft oder das Verdienen von Liebe und Freundschaft, wenn man selbst nur grau sieht. Um seinen Sinn in sich selbst zu finden, muss man nicht immer hohe Ziele setzten wie zum Beispiel, dass man eines Tages Millionär wird. Es reicht auch einfach klein anzufangen. Suche nach Leidenschaften, die dir Glück bereiten- sei es malen, schreiben, deine Lieblingssendung anzusehen oder Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.  Sei auch dankbar für die kleinen Sachen, wie überhaupt die Möglichkeit zu haben, ein gesundes und kostbares Leben führen zu können mit Menschen, die dich lieben und akzeptieren, wie du wirklich bist. Das Glück musst nicht unbedingt in der Religion gefunden werden, es reicht, wenn man diese Moral und Offenheit gegenüber dem Leben in sich selbst entwickelt.

Das Thema Antisemitismus hat in den Leben von Benny und Neala immer schon eine Rolle gespielt. Neala geht sehr offen mit ihrer Religion um. Sie macht nie ein Geheimnis daraus, dass sie Jüdin ist und gemäß ihrer Tradition auch in diesen Bräuchen erzogen worden ist. Der erste Vorfall fand auf einem Gymnasium in der 9. Klasse statt. Davor war sie stets auf jüdischen Schulen. Der Übergang und das Verlassen ihrer gewohnten Umgebung war zwar eine Challenge, die sie jedoch meistern konnte. Die offensichtliche Beleidigung, getarnt als dummer Kommentar, erhielt sie kurz nachdem sie auf die neue Schule gewechselt war von einem Schulkameraden ihres Jahrganges, dessen Namen sie nicht mal kannte. 

Ein weiterer Vorfall ereignete sich einige Zeit später, als sie nochmal die Schule wechselte. Dieses Mal war der ,,Witz” offenkundig im Bezug zu Antisemitismus im Dritten Reich. In beiden Fällen überkam sie ein Gefühl von Schock und Enttäuschung. Sie hatte zunächst das Gefühl, in ihrer neuen Umgebung als Jüdin angekommen zu sein, doch dies war wie es aussah nicht zu 100% der Fall. Sie vereidigte sich natürlich, doch auch als dieser Vorfall geklärt wurde und der Junge sich bei ihr entschuldigt hat, nagte es an ihr.

Neala ist der Meinung, dass der Grund für den Antisemitismus oder auch der Grund für das allgemeine Diskriminieren anderer Minderheiten, in der Unwissenheit der Menschen liegt. Problematische Denkweisen und Ansichten werden schon früh in der Kindheit aufgenommen. Vorurteile werden meist nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen. Meistens ist diesen Menschen, vor allen den jüngeren, nicht bewusst, was für eine Tragweite ihre Worte für die verletzten Personengruppen hat. Andere diskriminieren aus einfacher Ignoranz und Neid gegenüber anderen Gruppen und verspüren dabei eine Art Überlegenheit. In beiden Fällen ist richtige Aufklärung wichtig. Diese sollte nicht erst in der Schule beginnen. Auch schon früh im Kindesalter sollten Eltern ihren Kindern beibringen, dass jeder Mensch unterschiedlich ist aber diese Unterschiede nicht negativ bewertet werden sollten und eine ungleiche Behandlung nicht die Folge sein sollte.

Den Antisemitismus, den Neala erlebt beschreibt sie als ,,Straßen-Antisemitismus”. Darunter versteht man eine Art von Alltags-Antisemitismus, der nach ihr auf zwischenmenschlicher Basis passiert. 

Auch in Bennys Umfeld haben viele den Fakt nicht akzeptiert, dass er Jude ist. Bei ihm hat diese Erfahrung schon ganz früh in der Grundschule begonnen, wo er aufgrund seines als anders wahrgenommenen Aussehens, sehr schnell aus der Masse herausgestochen ist.

Es gibt nur wenige traditionell-jüdische Spiele, dennoch gibt es eins, welche beide gerne spielen. An Chanukka, dem jüdischen Lichterfest (findet im November oder Dezember statt) spielen beide Familien eine vereinfachte Version von Poker, bei dem man Schokoladentaler gewinnen kann. Bei Neala staut sich die Schokolade schon seit vielen Jahren an, weil niemand gewinnt, sodass es nicht überraschend ist, wenn es sich bei der Schokolade schon mal um eine siebenjährige Packung handelt.

Israel hat im Judentum eine wichtige Bedeutung, da der Ursprung ihres Glaubens und viele wichtige Orte dort liegen. Außerdem lebt der größte Anteil der weltweiten jüdischen Bevölkerung im heutigen Staat Israel. Neala hat das Land drei Mal besucht, Benny hingegen 150-mal insgesamt.  Beide haben den Wunsch, noch mehr Gelegenheiten für weitere Besuche zu finden.

Die Vorstellung vom Leben nach dem Tod im Paradies finden Neala und Benny eher unrealistisch. Im Judentum müssen die Menschen positiv an sich selbst arbeiten und die Welt zu einem besseren Ort verwandeln, das nennt man Tikkun Olam. Erst dann kommt der Messias, der anders im Christentum nicht Jesus ist, sondern aus Ruths und König Davids Linie entspringt, auf die Welt und erweckt die Toten, welche nach Jerusalem zum Tempel pilgern. Dabei würden auch Nicht-Jüdische Tote auferstehen und können ebenfalls ins Paradies kommen.

Die Vorstellung dieses ,,Retters”, die Unklarheit, wann dieser auf Erden erscheint und die fast unmögliche Umsetzung, die Welt nach religiöser Sicht zu verwandeln, macht dieses zukünftige Ereignis nicht sehr glaubwürdig. Trotzdem ist es fester Bestandteil der jüdischen Religion.

Das Thema Sünden wird im Judentum anders wahrgenommen als vergleichsweise im Christentum, wo man für den Verstoß gegen eines der 10 Gebote in die Hölle kommen kann. In der jüdischen Theologie differenziert man zwischen drei Stadien, so Benny:

  1. Die Unabsichtlichen
  2. Die Absichtlichen ➔ wie Lästern (sehr schlecht)
  3. Die Schweren ➔ wie Mord

Man hat immer die Chance, seinen Fehler einzusehen und aus diesen zu lernen. Vergebung bleibt niemandem verwehrt.

Jüdisch ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum konvertiert. Zum Judentum zu konvertieren ist ein sehr langer und schwieriger Prozess. Da es im Judentum viele Gebote und Verbote gibt, an die man sich halten muss, wird sehr darauf geachtet, dass neue Anhänger die Religion in allen Aspekten verstehen und die Traditionen und Regeln strikt einhalten. Da dies Veränderungen in sehr vielen Bereichen bedeutet, dauert das Ganze meist mehrere Jahre. Bei einer Bekannten von Neala hat dieser Prozess, in dem man lernt und mit der Gemeinde zusammenwächst, acht Jahre gedauert.

Wenn es um Homosexualität geht, wird diese grundsätzlich akzeptiert, jedoch sind sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern verboten aber zwischen zwei Frauen erlaubt. Der Grund dafür ist, dass in der Thora, der heiligen Schrift der Juden, in diesem Punkt nur über Männer gesprochen wurde. Heutzutage gibt es immer mehr Bewegungen von jungen Juden, die dafür einstehen, dass egal welche Sexualität man hat, die Religion es akzeptieren sollte. Das ist gut so, denn ein wichtiger Pfeiler in allen Bereichen des Judentums ist die Diskussion. Bei der Akzeptanz von Transgenderpersonen muss noch in der gesamten Gesellschaft gearbeitet werden, auch in der jüdischen Community.  

Zum Schluss haben wir uns alle auf Hebräisch verabschiedet.

Tschüss – Jalla ביי

Mein Fazit

Das Gespräch war eine schöne und sehr lehrreiche Erfahrung. Da ich persönlich niemanden kenne, der dem Judentum angehört, war das die Möglichkeit, einen Einblick in die Ethno-Religion und in ihre Traditionen/Sichtweisen zu bekommen. Die Kombination von einer jungen Person wie Neala, die uns vom Alter und durch ihre jugendliche Art doch sehr nah war und die intellektuelle und warmherzige Art von Benny, die dem Gespräch etwas mehr Tiefe gegeben hat, führte zu einer Begegnung, die allen Beteiligten ermöglicht hat, frei und locker ins Gespräch zu kommen, zusammen zu lachen, aber auch die schwierigeren und tiefgründigeren Themen ohne Scheu anzugehen. Ich konnte dadurch viel Neues über das Judentum lernen, verbunden mit sehr persönlichen Sichtweisen aus erster Hand. 

Insgesamt würde ich jedem empfehlen, solche Treffen zu organisieren. Die persönliche Begegnung ermöglicht ein noch besseres Verständnis vom Leben jüdischer Menschen in Deutschland zu gewinnen und Schubladendenken über Juden zu vermeiden. Jeder von ihnen kommt mit einer einzigartigen Geschichte, die es verdient, gehört zu werden.