Exkursionstag E-Phase Deutsch LK
Am neunten September begab sich der Deutsch LK der E-Phase unter Leitung von Herrn Böhler auf einen literaturgestützten Spaziergang durch den Frankfurter Stadtteil Riederwald. Literarisch begleitet wurde die Exkursion vom Text „Riederwaldsiedlung: Kurz vor dem 31. September“ von Amanda Lasker-Berlin. Er ist Teil der achtteiligen Anthologie „ACHT ORTE – Acht Autor:innen“, einer Kooperation des Deutschen Architekturmuseums und des Literaturhauses Frankfurt. Die etwa zwölf Seiten Text geben eine grobe, von spezifischen und teilweise historisch untermalten Eindrücken geprägte, Route durch den Riederwald vor.
„Es gibt Spuren, doch die sind verdeckt. Von Steinen und Zeit“ (S. 42)
Ein im Text beschriebener Baum trägt die Graffitiaufschrift „ich bleibe“, scheint diesem Motto zu folgen und ist den Plänen rund um einen neuen U-Bahn-Tunnel an seiner Stelle noch nicht gewichen.
Von ihrem Start an der Bahnstation Schäfflestraße bis hin zu der Beschreibung ihrer Bestellung in einem nahegelegenen Stehcafé dokumentiert Lasker-Berlin ihren Weg auf sehr präzise Weise. Immer wieder finden sich Referenzen zur Architektur, seien es die zahlreichen Rundbögen, ein religiöses Relief; Torbögen, die Häuserfassaden, Giebel- oder Schieferdächer.
„Ich stehe vor einer Kirche, sie ist ein Kasten“ (S. 45)
Schließlich schweifen die Zeilen häufig in die harte Lebensrealität der im Riederwald angesiedelten Sozialdemokraten im letzten Jahrhundert ab, welche sich durch Nelken im Knopfloch zu erkennen gegeben, Genossenschaften und Konsumvereine gegründet und gepflegt haben.
Fließend verläuft die Grenze zwischen dem Heute und dem Damals: Wir hören von Cecilie Breckheimer, den gleichnamigen Platz passierten wir soeben. Eine Stenotypistin, SPD-Mitglied, Insassin im Frauengefängnis und schließlich Auschwitz.
Der Spaziergang folgt ebenso den Spuren Johanna Teschs. Sie war Schneiderin, dabei politisch vielseitig engagiert, eine der ersten Frauen in der SPD, Mitglied in der Nationalversammlung 1919 und im Reichstag, Feministin. Schließlich wurde sie 1944 verhört und verhaftet. Sie starb ein Jahr später im KZ Ravensbrück.
„Wie viele Frauen dieser Zeit, Frauen, die vergessen wurden, war sie nicht still“ (S. 49f.)
Wir lernen auch etwas über die NS-Widerstandskämpferin Anna Beyer. Ihr Wirkkreis ging über den Stadtteil Riederwald hinaus: Als Mitglied des ISK (Internationaler Sozialistischer Kampfbund) eröffnete sie eine vegetarische Gaststätte, welche sie hauptsächlich durch Spenden finanzierte und die als Treffpunkt für Widerstandskämpfer diente. Anna Beyer konnte vor der Gestapo fliehen.
Gegen Ende der Wegstrecke passieren wir ein äußerlich unscheinbares Gebäude, einen Anbau. Der Text verrät uns: wir stehen vor einem ehemaligen Treffpunkt für rechtsextreme Verschwörungstheoretiker:innen, sogenannte „Reichsbürger“.
„[Gegen die Gruppe] wehrten sich die Riederwälder:innen. Mahnwachen wurden abgehalten, friedlich protestiert. Doch es gab auch Schmierereien und eingeschlagene Scheiben. Zerschlagene Scheiben ändern keine Gedanken. Der [Verein] zog aus dem viereckigen Gebäude aus, seine Ideologie nahmen die Betreiber mit.“ (S. 53)
Die hier wirkenden Reichsbürger stehen im klaren Widerspruch zum Kampf, dem sich Johanna Tesch und Cäcilie Breckheimer gewidmet und ihr Leben geopfert haben.
Nur durch ihr investigatives und aufmerksames Schreiben hat Lasker-Berlin uns diesen Stadtteil nähergebracht, ihn historisch eingeordnet und Aufklärung betrieben. Diese Qualitäten machten den Ausflug zu einer sehr aufschlussreichen und unvergesslichen Exkursion.
Lou Enie 11DL




